Das Projekt

Eine Arbeitsgruppe des Historischen Vereins Fürstenfeldbruck will nachweisen, daß man am Ende des Mesolithikums (kurz vor der Jungsteinzeit – also noch vor der Seßhaftwerdung und noch vor Einführung von Keramik oder gar Metall) schmackhaftes Bier brauen konnte.

Bier im Mesolithikum?

Kein Mensch weiß, ob Menschen am Haspelmoor vor 8.000 Jahren gebraut haben. Keiner weiß, ob im Mesolithikum (= Mittelsteinzeit) überhaupt irgendwo jemand in Europa gebraut hat.

Die frühesten Spuren von Bier findet man an Keramik (aus trockenen Gegenden in China, in Ägypten und in der damals ägyptischen Provinz Israel und später Schriftzeugnisse aus Mesopotanien). Keramik ist aber das bestimmende Element der Neolithiker (= Jungsteinzeitmenschen).

Wieso konzentriert sich das Projekt auf das Haspelmoor?

  • Das Haspelmoor ist eine der bedeutsamsten Fundstätten von mesolithischen Feuersteinabschlägen.
  • Und das Haspelmoor liegt in unserem Landkreis Fürstenfeldbruck.
  • Und im Haspelmoor wurden detaillierte Pollenanalysen zur Archäobotanik gemacht.

Was weiß man denn vom Mesolithikum am Haspelmoor?

  • Im Haspelmoor fand Dr. Michael Peters von der LMU in einer Torfschicht von 6.000 v. Chr. Weizenpollen.
    Das war deutlich vor der bislang angenommen Ankunft der Neolithiker in unserer Gegend. (Die Neolithiker brachten Getreideanbau, Keramik, neue Gemüse, Haustierrassen mit. Die waren einfach eine Bauernkultur.)

Mesolithiker oder Neolithiker?

Wir nennen die Ackerbauern vom Haspelsee Mesolithiker, auch wenn wir unterstellen, daß sie Teilzeit-Bauern waren. Andere würden sie schon Neolithiker nennen, sobald sie Getreidekörner in der Hand haben. Da wollen wir uns nicht einmischen. Diese Frage sollen Archäologen entscheiden. Wobei uns die kulturellen Hintergründe natürlich brennend interessieren und wir uns wünschen würden noch mehr über die damalige Kultur zu erfahren.

Die Frage nach dem Ackerbau um 6.000 v. Chr. ist natürlich bedeutsam für die Mesolithikum-Forschung. So viele Moore gibt es nicht in denen man Pollen überhaupt nachweisen könnte. Wenn das Völkchen am Haspelmoor damals Getreide anbaute, dann haben das womöglich auch alle anderen Mesolithiker gemacht. Und dann kam der Ackerbau nicht mit einer neuen Volksgruppe von Neolithikern nach Mitteleuropa, sondern schon vorher – allerdings ohne dem Rest des Kulturpakets (also ohne Haustiere und Keramik).

Spekulation: Getreideanbau anfangs für Bier

Warum landeten damals Weizenpollen im Haspelsee? Der muß ja vor Ort gewachsen sein. Gehandelter Weizen blüht nicht. Was haben die Mesolithiker (die ja eigentlich Jäger waren und keine Keramik in der Gegend hinterlassen haben) mit diesem Weizen gemacht?

Unser Ansatz

Wir werden es nie wissen können. Aber wir wollen zumindest zeigen, daß es für Mesolithiker möglich war ein schmackhaftes Bier zu brauen.

Denn man könnte ja argumentieren:

  • Brauen funktioniert ohne Eisen und Keramik gar nicht.
  • Brauen konnte man mit den damaligen technischen Möglichkeiten nur in der warmen Levante oder im „Fruchtbaren Halbmond“.
  • Der zeitliche Aufwand für das Brauen war damals zu hoch – das hätte sich gar nicht gelohnt.
  • Eine nicht-seßhafte Jägerkultur konnte keinen Weizen anbauen.

Diese Einwände möchten wir durch unsere Experimente entkräften.

Der Masterplan des Projekts

Um diese These zu beweisen

  • bauen wir Getreide an,
  • mälzen es und
  • brauen damit mit Kochsteinen ein Bier.

All dies machen wir nur mit den technischen Möglichkeiten des Mesolithikums. Aber wir messen und dokumentieren jeden Schritt genau. Denn wir verstehen uns als ernsthafte Projektgruppe der Experimentellen Archäologie.

Warum wird in den Experimenten modernes Gerät verwendet?

Das Projekt ist auf mehrere Jahre angelegt. Ganz am Ende werden wir (hoffentlich) einen vollständig mesolithischen Sud nachweisen können, der gutes Bier produziert. Bis dahin ist es ein weiter Weg.

Der gesamte Prozess besteht aus vielen Puzzlesteinen, die wir durch einzelne kleine Experimente ausprobieren (muß man Malz trocknen? kann man mit Kochsteinen brauen? klappt die Gärung mit Naturhefe? etc.). Bei den Einzelexperimenten ersetzen wir mesolithische Ausrüstung durch modernes Material, wenn dies die jeweilige Fragestellung nicht beeinträchtigt. (Um nachzuweisen, ob man mit selbst erstelltem Grünmalz brauen kann, ist es z. B. unerheblich in welchem Gefäß die Bierwürze gärt.)

Warum brauen die nicht schon längst mittelsteinzeitliches Bier?

Es gibt doch diverse Gruppen auf der Welt, die altes Bier brauen. Damit wäre doch dieses Projekt überflüssig.

Soweit wir wissen, sind wir die ersten die mittelsteinzeitlich brauen wollen. Wenige andere Gruppen haben es jungsteinzeitlich probiert (also mit etabilierter Landwirtschaft, mit Keramikgärbottichen, mit Mälzböden in trockenen Langhäusern). Wir dagegen versuchen Methoden zu finden, die in einer halbnomadischen Jägerkultur plausibel funktionieren konnten.

Nicht wenige Gruppen brauen bronzezeitlich (z. B. keltisch) oder später. Dann haben sie auch noch einen Eisenkessel und Kochsteine sind nicht mehr nötig.

Wir müssen also vieles neu denken und dann auch ausprobieren. Daher haben wir heute noch keine sichere Vorstellung davon, wie damals womöglich gebraut wurde. Aber das ist ja auch das Schöne an diesem Projekt – alles andere wäre Routine.

Ist das nicht alles viel zu kompliziert gedacht?

Es gibt den Einwand, daß wir bei unserer Suche nach einem schmackhaften Bier moderne Vorstellungen und modernes Wissen über Brautechnik imitieren wollen mit alten technischen Möglichkeiten.

Wir gehen davon aus, daß unsere mesolithischen Vorfahren genauso intelligent waren, wie wir heute. Zweifellos waren sie geschickte Handwerker, die aus den Materialien Stein, Bein und Holz das Optimum herausgeholt haben. Sie bauten auf Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden der Erfahrung, die mündlich weitergegeben wurde. Daher wäre es sehr überraschend, wenn diese Menschen ausgerechnet beim Bier (falls sie wirklich gebraut haben) ihre Experimentierfreude und Optimierungslust aufgegeben hätten.

Zu sagen: „Rühr Müsli mit Wasser an und laß es stehen. Das gärt doch auch. Primitiver geht es nicht mehr und daher ist es authentisch.„, das glauben wir gerade nicht. Ganz klar gesagt: Primitivität ist für uns kein Beweis für Richtigkeit.

Zudem ist die von uns verfolgte Brautechnik weit weg von dem Verfahren moderner Brauereien, aber deutlich näher an den Verfahren der Haussude, wie sie in ganz Europa früher angewandt wurde.

Jägerkulturen heute haben vergleichsweise viel Freizeit. Womöglich war das damals auch so. Damit blieb auch Zeit für kulinarische Verfeinerung. Schmackhafte Nahrungsmitteln vorzuziehen ist uns Menschen höchstwahrscheinlich angeboren. Ohne es je nachweisen zu können, kann man daher davon ausgehen, daß die Rehbraten damals lecker gewürzt und perfekt medium gegrillt waren. Wenn es Bier gab, dann hatte es sicher auch ein einigermaßen hohes Niveau. (Wobei natürliche Rohstoffe und Naturhefen  immer für eine Varianz sorgen, die in modernen Brauereien durch Messen und verfeinerte Verfahren vermieden wird.)

Kontakt

Wir suchen ernsthaft ständig Leute, die bei uns mitmachen! Viele Teilbereiche hat noch keiner von uns ausprobieren können – die warten noch auf experimentierfreudige Geschichtsinteressierte:

steinzeitbier@baehrig.de

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